Text Quelle : vom Medium Peter Bernath persönlich zum Mitveröffentlichung autorisiert.

****************************

 Dritter Teil : 6.2(1)

Johannes Baptista Maria Vianey lebte von 1786 bis 1840. Seine Lebenszeit fällt also noch zu einem großen Teil in die des Pfarrers Blumhardt. Während Blumhardt in der deutschen Pfarrei Möttlingen seine segensreiche Wirksamkeit entfaltete, lebte und wirkte Vianey in der kleinen Gemeinde Ars inFrankreich. Wegen seiner geringen Begabung konnte Vianey nur unter großen Anstrengungen seine Weihe zum Priester erreichen.

Schon als Kind gab sich Vianey täglich der inneren Sammlung im Gebet hin. Diese innere Konzentration übte er, ähnlich wie Blumhardt, sein ganzes Leben. Sie brachte bei ihm die medialen Gaben zur Entfaltung, welche die Vorbedingung für die Wirkungen sind, die von der Geisterwelt auf die Menschen ausgeübt werden. Dasselbe gilt von Blumhardt. Während der evangelische Pfarrer Blumhardt zuerst die dämonischen Kundgebungen durch das Medium Gottliebin Dittus in seiner Pfarrei erlebte und nachher erst die Wirkungen sowohl der guten als auch der bösen Geisterwelt an seiner eigenen Person erfuhr, war der Pfarrer von Ars allein die Persönlichkeit, an der die Kundgebungen der Geister sich zeigten. Bei anderen Personen seiner Umgebung oder seiner Pfarrei machten sich derartige Wirkungen nicht bemerkbar. Im übrigen sind die Geschehnisse bei beiden dieselben.

Sowohl Blumhardt als auch Vianey erlebten die Betätigung der Dämonen in derselben Weise. Auch die Wirkungen der guten Geister waren bei beiden dieselben.

Beide empfingen einen Geist der Heilkraft in sehr hohem Maße.

Beide hatten die Gabe des Hellsehens in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Beide konnten den inneren Zustand eines Menschen hellsehend wahrnehmen.

Über die Pfarreien beider Seelsorger wurde in wunderbarer Weise der Geist der Bekehrungausgegossen, die sich nach und nach auch auf weite Kreise der entfernteren Bezirke erstreckte.

Zu beiden pilgerten die durch ein sündenbeladenes Leben gequälten Menschen zu vielen Tausenden, um ihre Vergehen zu bekennen und die Zusicherung der Verzeihung Gottes zu erlangen. Beide wußten durch eine innere Erleuchtung, wem sie die Zusicherung der Verzeihung geben konnten.

Die Übereinstimmung in all diesen Dingen erstreckt sich bei diesen beiden Männern bis in die kleinsten Einzelheiten, so daß man das Walten einer göttlichen Gesetzmäßigkeit daraus erkennen kann. Auch die dämonischen Kundgebungen erfolgten bei beiden nach denselben geistigen Gesetzen. Doch lassen wir nun die Tatsachen aus dem Leben Vianeys selbst reden. Beginnen wir mit dem Dämonischen, das sich bei Vianey kundgab. In der Lebensbeschreibung wird der Teil, der von den dämonischen Einflüssen handelt, mit den Worten eingeleitet:

„Doch möge hier zunächst ein Wort für diejenigen gesagt sein, die versucht sind, in dieser Hinsicht zu zweifeln oder bei der Lesung der folgenden Seiten zu lächeln. Sie werden nicht die ersten sein, die das tun. Ja, sie werden nicht einmal etwas in dieser Beziehung denken oder aussprechen, was nicht schon vor ihnen zu Lebzeiten Vianeys die Welt gedacht oder gesagt hat und was nicht mit noch größerem Nachdruck als die Weltleute, die Geistlichkeit damals ausgesprochen hat. Kaum hatte nämlich das Gerücht, der Pfarrer von Ars werden von den Teufeln heimgesucht, sich zu verbreiten begonnen, als ein großes Gelächter in allen umliegenden Pfarrhäusern anhub.

Alsbald setzten die ‘guten‘ Mitbrüder dem Pfarrer von Ars auseinander, daß er ein großer Träumer sei, der ein krankes Gehirn habe; daß ferner die Hölle, aus der seine Dämonen kämen, ganz einfach der Fleischtopf sei, in welchem er seine Kartoffeln verschimmeln lasse. ‘Mein lieber Pfarrer‘, sagten sie ihm, ‚leben Sie wie jedermann; nähren Sie sich besser; dann wird Ihr Kopf wieder gesund, und Sie werden sehen, wie die Teufel verschwinden.'“

Vianey lebte nämlich sehr bescheiden und fast nur von Kartoffeln, die er sich am ersten Wochentage für die ganze Woche kochte und dann kalt aß, und die nicht selten am Ende der Woche schimmlig geworden waren.

„Weit davon entfernt, jener schwache Geist zu sein, der solchen Hirngespinsten zum Opfer fällt, wie es sich seine Amtsbrüder eingeredet hatten, war Pfarrer Vianey von Natur aus so wenig leichtgläubig, daß er selbst zuerst nicht annehmen wollte, es seien Teufel, die ihn quälten. Erst dann, als er vergebens nach einer Erklärung für die seltsamen Geräusche gesucht hatte, die ihn immer wieder während der Nacht störten, begriff er ihre Herkunft und Art.

Eines Tages hörte er heftig gegen seine Haustüre stoßen. Er öffnete das Fenster und fragte: ‘Wer ist da?‘ Niemand antwortete ihm. Als das Geräusch sich an seiner Treppentüre wiederholte, stellte er dieselbe Frage. Abermals blieb er ohne Antwort. Da ihm damals prächtige Gewänder für seine Kirche geschenkt worden waren, die er im Pfarrhause aufbewahrte, so dachte er, es hätten Diebe bei ihm einzubrechen versucht. Er hielt es für gut, Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Deshalb bat er einige mutige Männer, Wache zu stehen. Sie kamen denn auch während mehrerer Nächte und hörten denselben Lärm. Doch entdeckten sie nichts. Man paßte im Glockenturm auf, indessen gleichfalls ohne Erfolg. Man hörte heftige Stöße, ohne etwas zu sehen. Die Wächter waren sehr erschrocken. Selbst dem Pfarrer wurde recht bange.

Eines Nachts im Winter, als er wieder starke Schläge gegen die Türe vernommen hatte, sprang er eilends aus dem Bett, stieg in den Hof hinab, indem er überzeugt war, daß die Übeltäter, wenn es sich um solche handelte, ihre Spur im frischgefallenen Schnee zurückgelassen hätten und daß man sie so endlich fassen könne. Aber er sah niemanden, hörte nichts mehr und bemerkte auch keine Fußspur im Schnee. Da nun zweifelte er nicht mehr, daß der Satan ihn verfolgen wollte. – Von dem Tage an, wo er überzeugt war, daß die nächtlichen Ruhestörer Dämonen seien, hatte er viel weniger Angst.

Indessen richteten sich die Hauptabsichten der Dämonen zweifellos darauf, seine seelsorgerliche Tätigkeit minder fruchtbar zu machen, indem sie seinem überanstrengten Leibe die nötige Nachtruhe raubten. Alles schien bei diesen Plagen gar trefflich darauf eingerichtet zu sein, daß ihm das Schlafen ganz unmöglich gemacht würde. Meistens vernahm Vianey eines von jenen eintönigen Geräuschen, die mehr als alles andere, wie man weiß, zur Schlaflosigkeit veranlassen. Bald war es ein Geräusch, wie wenn ein Balken durchgesägt oder durchgebohrt würde. Bald schien es, als ob man eine Reihe Nägel einklopfte. Es kam ihm auch vor, als ob Regimenter Soldaten an seiner Tür vorbeizögen; als ob eine Schafherde über seinem Haupt dahintrampelte; als ob ein Pferd über seine Fliesen galoppierte; als ob jemand auf seinem Tisch trommelte; als ob man in seiner Nähe Eisenreifen um ein Faß festschlage; als ob alle Wagen von Lyon über seine Diele rollten; als ob eine lärmende Versammlung in unbekannter Sprache in seinem Hofraum sich unterhalte. Diese letzte Plage dauerte mehrere Nächte hintereinander.

Ein anderes Mal hörte er seine Türe öffnen und sich in barscher Weise bei seinem Familiennamen anreden. Dann hatte er eine Fülle von spöttischen Grobheiten zu ertragen, unter denen am häufigsten die Bezeichnung ‘Kartoffelfresser‘ vorkam. Ferner wurden seine Möbel hin- und herbewegt. Es wurde an seinen Vorhängen mit solcher Wucht gerissen, daß er darüber verwundert war, sie am anderen Morgen noch heil zu finden“. (S. 66 – 70)

Groß waren auch die inneren Anfechtungen, die er von seiten der Bösen zu erdulden hatte und mit denen sie ihn zur Verzweiflung zu treiben suchten. Bei Blumhardt treffen wir dieselben Erscheinungen. Leider sind die in seiner Denkschrift enthaltenen dämonischen Einwirkungen, soweit sie seine Person angingen, absichtlich in seiner Lebensbeschreibung unterdrückt worden, wie ich dies bereits früher erwähnte.

Sowohl bei Blumhardt als auch bei Vianey hatten jene dämonischen Machenschaften den einzigen Zweck, das Wirken dieser Männer in der Führung ihrer Mitmenschen zu Gott ganz zu vernichten oder doch zu beschränken. Darum suchten sie Blumhardt in das ihm unbekannte Gebiet des Dämonischen durch die Gottliebin Dittus zu verstricken und ihn, als ihnen das nicht gelungen war, nachher durch äußere und innere Anfechtungen zu verwirren und mutlos zu machen. – Bei Vianey hatten sie es zunächst auf die Einflößung der Mutlosigkeit und Verzweiflung abgesehen und benutzten dazu als Werkzeuge die katholischen Geistlichen der Nachbarbezirke, die einen solchen Feldzug der gemeinsten Verleumdung und Verdächtigung gegen den armen Pfarrer von Ars eröffneten und zehn Jahre lang durchführten, daß jeder andere einem solchen Kampfe hätte erliegen müssen. – Als dies nicht zum Ziele führte, versuchten es die Dämonen mit einer Schwächung seiner Gesundheit durch Entziehung des Schlafes. Von diesem Versuch ließen sie während seines ganzen Lebens nicht ab. Erst in seinen letzten Lebensjahren scheint er nachts nicht mehr belästigt worden zu sein.

Noch ähnlicher, wie im Punkte der dämonischen Erlebnisse, sind sich beide Männer in dem, was ihnen an Göttlichem von seiten der guten Geister zuteil wurde. Hier haben sie alles gemeinsam.

Beiden wurden die hohen Gottesgaben erst zuteil, als sie ihre schweren Prüfungen im Kampfe mit den bösen Mächten und deren menschlichen Werkzeugen bestanden hatten. Diesen Kampf hat jeder zu bestehen, der als Werkzeug Gottes zum Heile seiner Mitmenschen arbeiten und die zu diesem Zwecke erforderlichen Gotteskräfte erlangen will.

Auch Christus mußte diesen Kampf bestehen. Auch seine öffentliche Tätigkeit mit den Beweisen der Gotteskraft, die in ihm wirksam war, begann erst, als er 40 Tage und 40 Nächte das Dämonische und seine furchtbaren Wirkungen an sich erfahren hatte und dagegen standhaft geblieben war. Der Knecht ist nicht über dem Meister.

Die Bekehrungen infolge der Ausgießung eines Geistes der Buße als innere Umkehr hatten in der Pfarrei Blumhardts denselben Verlauf wie in der Pfarrei Vianeys. Und aus beiden Pfarreien erstreckten sie sich in gleicher Weise nach und nach bis in die entferntesten Gegenden. Die erste Wirkung der Geister der Buße ist in den Herzen der Menschen ein inneres Erschrecken über die Sünden und Vergehen des vergangenen Lebens und über die dadurch herbeigeführte Gottesferne. Dieses innere Erschrecken über sich bei einem vom Geiste der Buße berührten Menschen ist so groß, daß er keine Ruhe mehr findet, bis er sein Inneres einem gottestreuen Menschen offenbart und dessen Urteil gehört hat. Eine unsichtbare Gewalt treibt sie unwiderstehlich, bis sie die Gottesnähe in ihrem Herzen fühlen und die darin enthaltene Gewißheit haben, daß ihre Sünden vergeben sind. Ein solches Gefühl des Glückes strömt dann in ihr Herz, daß es keine menschlichen Worte gibt, ein solches Glück zu beschreiben. Man möge in den Lebensbeschreibungen dieser beiden Männer nachlesen, was die Bekehrten innerlich empfunden haben.

Die Seelen, die seiner Hilfe nicht bedurften, erkannte Vianey auf den ersten Blick. Er bat sie freundlich, seine Zeit nicht zu beanspruchen, und zu manchem sagte er:

„Gehen Sie ruhig heim, Sie haben mich nicht nötig.“

Die kranken Seelen zu heilen, die mit sich selbst nicht fertig werden konnten, war das Hauptziel des Pfarrers von Ars. Die Heilung der Körper war in seinen Augen viel nebensächlicher.

Vielen gab Vianey Auskunft über das jenseitige Los ihrer Verstorbenen, sobald dies für ihr eigenes Seelenheil nützlich erschien. Aber auch in die Zukunft schaute er hellsehend. Man kann sagen, daß so, wie zu seinen Lebzeiten über nichts so viel gesprochen wurde, als über seine Kämpfe mit den bösen Geistern, alle Welt nach seinem Tode von seinen Voraussagungen zu reden anfing.


Weiter bei: 6.2 Pfarrer Vianey von Ars und die Geisterwelt (2)