Text Quelle : vom Medium Peter Bernath persönlich zum Mitveröffentlichung autorisiert.

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vierter Teil : 10.15

Auch die vollkommene Keuschheit in der Form der Ehelosigkeit gilt deiner bisherigen Kirche als Ideal der Vollkommenheit. Die vollkommene Keuschheit soll und kann jeder üben. Aber sie hat mit Ehelosigkeit nichts zu tun. Denn die Ehe ist nichts Unkeusches. Verheiratete können sehr keusch und Unverheiratete sehr unkeusch sein, auch wenn sie Priester oder Ordensleute sind.

Die wahre Keuschheit besteht lediglich in dem rechten Maßhalten in den Dingen, die mit dem Naturgesetz des Geschlechtslebens zusammenhängen.

Wie Mäßigkeit im Essen und Trinken nicht darin beruht, daß man Hunger und Durst gewaltsam unterdrückt, sondern darin, daß man bei Aufnahme von Speise und Trank die Grenzen des Erlaubten nicht überschreitet, so ist es auch beim Geschlechtsleben.

Der Geschlechtstrieb ist als Naturgesetz vom Schöpfer in alles Geschaffene hineingelegt. Und was Gott geschaffen hat, ist gut und soll von Menschen nicht gewaltsam unterdrückt, sondern in den von Gott bestimmten Grenzen gebraucht werden.

Das Gesetz der Fortpflanzung gilt für jeden Menschen!

Die Familiengründung ist ein Auftrag Gottes, dem sich niemand ungestraft entziehen darf. Denn die irdische Zeugung ist der Weg, auf dem die von Gott abgewichenen Geister in den einzelnen Naturstufen höhersteigen sollen, um zur Vollendung zu gelangen.

Es ist eine Fügung der Weisheit Gottes, daß diejenigen der gefallenen Geister, die sich bis zu einer bestimmten irdischen Stufe emporgearbeitet haben, auf dem Weg der Fortpflanzung ihren Geschwistern aus den tieferen Naturstufen zu den höheren hinaufhelfen.

Wenn irdische Geschwister zusammen in eine Grube stürzen, so reicht derjenige von ihnen, der zuerst in der Höhe ist, dem anderen die Hand, damit auch sie aus der Grube befreit werden. Das ist Geschwisterpflicht.

Von diesem Gesichtspunkt der Weisheit und des Erbarmens Gottes sollt ihr das Gesetz des Geschlechtslebens betrachten. Gott hat den Geschlechtstrieb deshalb so stark gestaltet, weil die Fortpflanzung ein Teil des Erlösungsplanes Gottes ist und die Geschöpfe sich der Pflicht, an der Ausführung dieses Planes mitzuwirken, nicht so leicht sollten entziehen können. Es ist daher klar, daß es sich hierbei um eine Pflicht handelt, von deren Erfüllung nur die schwerwiegendsten Gründe den Menschen befreien können.

Darum ist das Gelübde der Ehelosigkeit ein schwerer Verstoß gegen den Willen Gottes. Weder die katholischen Priester noch die Ordensleute haben vor Gott einen hinreichenden Grund, ehelos zu bleiben.

Ich weiß, daß man zur Rechtfertigung der Ehelosigkeit das siebente Kapitel des ersten Korintherbriefes anführt. Paulus gibt darin verschiedene Gründe an, weshalb es besser sei, ehelos zu bleiben. Er erteilt den Rat, daß nur derjenige heiraten solle, dem die Ehelosigkeit zur Gefahr werde.

Diese Ansicht des Apostels war falsch!

Er hatte auch keinerlei Auftrag Christi, eine solche Lehre zu verkünden. Dessen war sich Paulus auch vollkommen bewußt. Es wird dir nämlich beim Lesen des siebenten Kapitels des ersten Korintherbriefes etwas auffallen, was du sonst nie in den Briefen dieses Apostels findest: Nämlich die immer wiederkehrende Betonung, daß es bloß die eigene Meinung sei, die er den Korinthern inbetreff der Ehelosigkeit mitteilte, und daß er nicht im Auftrag Christi rede. Daher das stets wiederkehrende: ‚Sage ich.‘ – ‚Den unverheirateten Männer und besonders den Witwen sage ich.‘ – ‚Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr.‘ – ‚Den übrigen aber sage ich, nicht der Herr.‘ – ‚Inbetreff der unverheirateten Mädchen habe ich kein ausdrückliches Gebot des Herrn, sondern spreche nur meine Meinung aus.‘ – Und zum Schluß des Kapitels betont er nochmals: ‚Das istmeine Ansicht!‘

Seine Ansicht war falsch, wenn er auch hinzufügte, er glaube doch auch, einen Geist Gottes zu besitzen. Paulus selbst war ehelos. Seine Ehelosigkeit fand nach seiner Ansicht ihren hinreichenden Grund darin, daß er bei seiner über weite Gebiete sich erstreckenden Lehrtätigkeit viel und lange auf Reisen sein mußte. Hätte er Familie gehabt, so wären ihm solche Reisen unmöglich gemacht worden. Er hätte Frau und Kinder nicht mitnehmen, aber auch nicht Monate und Jahre lang alleinlassen können.

Seine eigene Ehelosigkeit machte ihn in diesem Punkte einseitig und zum Fanatiker.

Wo Menschen sind, findet ihr auch immer menschliche Fehler.

Auch bei den Aposteln müßt ihr diese in Kauf nehmen.

Über seine falsche Ansicht inbetreff der Ehelosigkeit wurde Paulus nachher von Christus belehrt. Er mußte sie in einem an alle Gemeinden gerichteten Brief richtigstellen. Von diesem Briefe, in dem auch eine Reihe anderer Stellen seiner früheren Schreiben, die zu Mißverständnissen Anlaß gegeben hatten, aufgeklärt wurde, habe ich dir bereits am ersten Abend Mitteilung gemacht. Ich sagte dir, daß dieser Brief später vernichtet wurde, weil die darin enthaltenen Klarstellungen und Berichtigungen der späteren Kirche und ihrer Lehre nicht paßten.

Wie sehr Paulus infolge der Belehrung und Zurechtweisung seines Meisters seine Meinung über die Ehelosigkeit änderte, könnt ihr aus seinen Schreiben an Timotheus und Titus ersehen. Er, der an die Korinther geschrieben hatte, daß er wünsche, sie wären alle ehelos wie er selbst – er duldet nicht, daß ein Eheloser oder eine Ehelose irgendeine Stellung in der Gemeinde bekleidete. Nach seinem Brief an die Korinther hätte man doch erwarten müssen, daß er im Gemeindedienst gerade die Ehelosen bevorzugen würde. Aber nein – alle mußten verheiratet sein.

1. Timotheus 3, 2 – 12: ‚So muß denn der Bischof eines Weibes Mann sein… einer, der seinem Hause gut vorsteht, indem er seine Kinder im Gehorsam hält mit aller Würde; denn wenn einer seinem eigenen Hause nicht vorzustehen weiß, wie sollte er für die Gemeinde Gottes sorgen können.‘ – ‚Ebenso müssen auch die Gehilfen ein jeder eines Weibes Mann sein und die Leitung ihrer Kinder und ihres eigenen Hauses gut versehen.‘

Auch an Titus richtete er dieselbe Mahnung, daß er keinen Unverheirateten als Ältesten in einer Gemeinde anstellen solle, sondern nur solche, die eines Weibes Mann seien und gläubige Kinder hätten (Titus 1, 6).

Während er in seinem Brief an die Korinther den Witwen gesagt hatte, er wünsche, daß sie ehelos blieben, schreibt er an Timotheus:

1. Timotheus 5, 14: ‚Es ist mein Wille, daß jüngere Witwen wieder heiraten, Mütter werden und ihrem Haushalt vorstehen.‘

Wenn Paulus das ‚eines Weibes Mann‘ so scharf betont, so heißt das nicht, daß der Mann nicht zum zweiten Male verheiratet sein dürfe. Denn wenn er den Witwen eine zweite Heirat anrät, wie er es in seinem Schreiben an Timotheus tat, so steht sicherlich dem Witwer dasselbe Recht zu. Jener Ausdruck ‚eines Weibes Mann‘ hat folgenden Grund: Manche von den heidnischen Männern, die zum Christentum übertraten, hatten vorher neben der eigenen Frau auch noch Nebenfrauen. Und das war öffentlich bekannt. Wegen der Unzuträglichkeiten, die daraus entstehen konnten, duldete Paulus nicht, daß solche Männer im Gemeindedienst verwendet wurden. Er wollte dafür nur verheiratete Männer haben, die sich bei Christen und Nichtchristen eines guten Rufes erfreuten. Das schreibt er ja auch ausdrücklich an Timotheus:

1. Timotheus 3, 7: ‚Er muß sich auch bei den Nichtchristen eines guten Rufes erfreuen, damit er nicht in übles Gerede komme und der Schlinge des Verleumders verfalle.‘

Ein Jahrtausend hindurch war die Ehe, die Paulus den Ältesten, Bischöfen und Mitarbeitern seiner Zeit zur Pflicht machte, auch den katholischen Priestern gestattet.

Es war nicht ein höherer Gesichtspunkt der Religion, der das Papsttum veranlaßte, den Geistlichen die Ehelosigkeit aufzuzwingen. Ein solcher war überhaupt nicht denkbar, sonst würde er schon in der ersten christlichen Kirche zur Vorschrift der Ehelosigkeit geführt haben. Ausschlaggebend dafür war später nur ein rein weltlicher Gesichtspunkt, nämlich die Verstärkung der Macht des Papsttums.

Denn ein von allen Familienbeziehungen losgelöster Geistlicher ist ein viel willfährigeres Werkzeug der kirchlichen Organisation, als ein Priester, der an Frau und Kindern eine seelische und auch materielle Unterstützung hat.

Dazu bestand die Wahrscheinlichkeit, daß der ehelose Priester sein Vermögen der Kirche vermachte.

Die Gefahren der Ehelosigkeit, die einen Apostel Paulus veranlaßten, ehelose Mitarbeiter im Dienste der Religion abzulehnen, sind zu allen Zeiten dieselben. Sie waren damals nicht größer als heute. Der Vorwand größerer Sittenreinheit und Hingabe an die Sache Gottes bei einem ehelosen Priestertum ist eben bloß ein Vorwand, der sich seither als trügerisch erwiesen hat.


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