Text Quelle : vom Medium Peter Bernath persönlich zum Mitveröffentlichung autorisiert.

                                               ************************

vierter Teil : 10.14 

Sind denn die Ordensleute wirklich arm?

Sind sie nicht vielmehr für ihr ganzes Leben jeder Nahrungssorge enthoben?

Ist nicht täglich der Tisch für sie gedeckt?

Und das nennt ihr Armut?

Wenn alle Menschen so viel hätten, dann gäbe es keine Armen mehr. Und wenn eine solche Armut zum Ideal der Vollkommenheit gehört, weshalb sind denn so viele Klöster so reich an irdischen Gütern? Wenn die Armut das Ideal des einzelnen sein soll, dann muß sie auch das Ideal der Gemeinschaft sein.

Und warum übt denn euer Priestertum, das die freiwillige Armut als einen der höchsten Grade der Vollkommenheit predigt, nicht selbst diese Armut? Ein Prediger des Ideals muß doch wohl dieses Ideal zuerst an sich selbst verwirklichen.

Oder ist vielleicht euer Priestertum arm?

Ist der Papst arm?

Sind die Bischöfe arm?

Sind die Priester arm?

Wenn es allen Menschen irdisch so gut ginge wie diesen Predigern des Armutsideals, dann gäbe es nirgends mehr Armut!

Ihr beruft euch auf die Worte Christi an den reichen Jüngling, um zu beweisen, daß freiwillige Armut zur Vollkommenheit gehöre. Doch ihr gebt diesen Worten eine ganz unrichtige Deutung. Als Christus zu dem reichen Jüngling sagte: ‚Willst du vollkommen sein, so gehe hin und verkaufe alles, was du hast und gib das Geld den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!‘, so galt diese Mahnung bloß diesem Jüngling. Denn er hatte sein Herz an Geld und Gut gehängt. Das wurde ihm zum Fallstrick und verhinderte seinen Eintritt in das Reich Gottes. Als der Jüngling wegen dieser Mahnung Christus den Rücken wandte, sagte der Meister zu seinen Jüngern: ‚Kinder, wie schwer ist es doch für Menschen, die sich auf Geld und Gut verlassen, in das Reich Gottes einzugehen.‘

Nicht jeder, der viele irdische Güter besitzt, ist im Sinne Christi reich, sondern nur der, welcher sein Herz nicht an den Mammon hängt und ihn zu seinem Gott macht.

Abraham, Isaak, Jakob, Hiob und David waren sehr reich an materiellen Dingen. Und doch gehören sie nicht zu den Reichen, die Christus meint. Ihr Reichtum war ihnen kein Hindernis auf dem Wege zu Gott. Ihnen würde Christus nie gesagt haben, daß sie alles verkaufen sollten, um vollkommen zu werden. Anders war es bei dem reichen Jüngling. Ihn hielt seine Anhänglichkeit an seinem Besitztum ab, dem Rufe Gottes zu folgen. Lieber verzichtete er auf das Reich Gottes, als auf sein Vermögen.

Bei allen Menschen finden sich Hindernisse, wenn es sich darum handelt, Gott näherzukommen. Sie sind so verschieden, wie die Menschen selbst.

Ein jeder hat das Hindernis zu beseitigen, das ihm im Wege steht.

Das ist auch der Sinn der Worte Christi: ‚Wenn dein Auge dich ärgert, so reiß es aus und wirf es von dir.‘ – Wenn irgend etwas in deinem Leben dir hinderlich ist, den Willen Gottes zu erfüllen, und wäre es dir so lieb wie dein Auge, so trenne dich davon. Bei dem reichen Jüngling war sein Reichtum das Hindernis. Darum mußte er sich davon trennen, indem er alles verkaufte und den Erlös den Armen gab. Ist jedoch der Reichtum für jemand kein Hindernis in seinem Aufstieg zu Gott, so hat er auch keine Veranlassung, auf Hab und Gut zu verzichten.

Und wenn alle ihr Besitztum verkaufen müßten, um vollkommen zu sein, dann dürfte niemand Güter erwerben. Denn wenn das Behalten von Geld und Gut bei jedem gegen die Vollkommenheit wäre, dann würde auch der Erwerb irdischen Vermögens gegen die Vollkommenheit verstoßen. Dann dürften erst recht nicht die Kirchen und Klöster Güter erwerben und besitzen.

Auch Christus war vor seinem öffentlichen Auftreten nicht arm. Er besaß mehrere Häuser, die er sich durch fleißige Arbeit erworben hatte. Er verkaufte sie vor Beginn seiner Lehrtätigkeit und gab den Erlös denjenigen seiner Freunde, bei denen er während seines öffentlichen Wirkens Wohnung nahm.

Wenn er infolgedessen während seiner Lehrtätigkeit auch keinerlei Eigentum mehr besaß, so brauchte er doch bei niemanden zu betteln.


Weiter bei: 10.15 Keuschheit als Ehelosigkeit