Text Quelle : vom Medium Peter Bernath persönlich zum Mitveröffentlichung 

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Erster Teil : 2.1  Mein erster Schrit zur Verbindung mit der Geisterwelt

“ So sann ich denn nach, dies zu begreifen: doch es war zu schwer für mein Verständnis, bis ich in Verbindung mit der Geisterwelt Gottes kam. „

Ps. 73, 16-17

Es war im Spätsommer des Jahres 1923. Ich war damals katholischer Pfarrer einer kleinen Landgemeinde. Außerdem hatte ich einen Hilfsbund zu leiten, dessen Sitz in einer benachbarten Stadt war. Zweimal in der Woche fuhr ich zum Büro des Hilfsbundes, um die Wohlfahrtsarbeiten zu erledigen.

Dort kam nun eines Tages ein Mann zu mir und fragte mich: „Was halten Sie vom Spiritismus?“ Noch ehe ich etwas erwidern konnte, erzählte er mir von seinen Erlebnissen. Er pflege wöchentlich mit einem kleinen Kreis zu einer Art Gottesdienst zusammenzukommen. Man bete, lese in der Heiligen Schrift und bespreche das Gelesene. Unter den Anwesenden befinde sich auch ein Junge im Altervon 16 bis 17 Jahren. Er gehöre einer einfachen Familie an, besitze nur mittelmäßige Schulbildung und sei Lehrling in einem Privatbetrieb. Bei den Zusammenkünften pflege dieser plötzlich wie tot vornüber zu fallen, werde aber sofort wieder, wie von einer unsichtbaren Kraft, ruckweise aufgerichtet, sitze da mit geschlossenen Augen und erteile den Anwesenden wunderbare Belehrungen. Auch beantworte er die Fragen, die man an ihn stelle. Nur auf rein materielle Fragen verweigere er die Antwort. Am Schluß seiner Belehrungen falle er wieder vornüber und komme sofort zu sich. Von dem, was vorgegangen und was er gesprochen, wisse er nicht das Geringste. Der Junge sei gesund und frisch. Nach diesen Vorfällen fühle er keinerlei Unbehagen, keine Kopfschmerzen oder sonstiges Unwohlsein.

Seinen Bericht schloß der Mann mit den Worten: „Nun wollte ich von Ihnen hören, was Sie über diese Sache denken, Doch bevor Sie Ihr Urteil abgeben, möchte ich Sie bitten, selbst an einer solchen Sitzung teilzunehmen, damit Sie sich von den Vorgängen persönlich überzeugen können. Dabei haben Sie Gelegenheit, selbst Fragen an den Jungen zu stellen.“

Mit großer Aufmerksamkeit hatte ich seinen Ausführungen zugehört. Was sollte ich ihm darauf erwidern? Vom sogenannten „Spiritismus“ wußte und verstand ich nichts. Wohl hatte ich hier und da in der Tagespresse etwas darüber gelesen. Es waren Berichte über Entlarvungen von Medien und sonstige spiritistischen Betrügereien. Also, durchaus nichts Günstiges. Nun sollte ich mich als ernster Mensch und dazu noch als Geistlicher auf dieses Gebiet begeben und mich der Gefahr aussetzen, mich lächerlich zu machen. Das konnte ich nicht. Zwar reizte mich der Gedanke, von rein wissenschaftlichem Standpunkt aus die mir soeben geschilderten merkwürdigen Vorgänge nachzuprüfen, wenn ich dies allein für mich in meinem Studierzimmer hätte tun können. Aber in andere Familien gehen und mich dem Tagesklatsch preisgeben – das wollte ich nicht.

Offen gestand ich daher jenem Herrn, daß ich auf dem Gebiete des „Spiritismus“ aus eigener Erfahrung nicht Bescheid wisse und über das von ihm Erlebte kein Urteil abgeben könne. Auch trüge ich großes Bedenken, seiner Einladung zur Teilnahme an einer Zusammenkunft der von ihm erwähnten Art Folge zu leisten. Ich müsse Rücksicht nehmen auf meinen „schwarzen Rock“ und dürfte mich nicht der Gefahr aussetzen, in der Öffentlichkeit als „Spiritist“ verschrien zu werden. Denn meine Teilnahme an diesen Sitzungen würde ohne Zweifel bald überall bekannt werden.

Der Mann ließ jedoch meine Einwände nicht gelten, sondern entgegnete: „Es handelt sich hier um einesehr wichtige Sache, über die Sie als Geistlicher und im öffentlichen Leben stehender MannBescheid wissen müssen. Wenigstens haben Sie nach meiner Ansicht die Pflicht, zu prüfen und nacheingehender unparteiischer Prüfung sich ein Urteil darüber zu bilden. Sie werden wohl noch öfters in Ihrem Leben über diese Dinge befragt werden. Und von wem sollen wir Laien denn Aufklärung erbitten, wenn nicht von den geistlichen Führern, zu denen wir das Vertrauen haben, daß sie uns die volle Wahrheit sagen. Totschweigen lassen sich diese Dinge doch nicht mehr. Auch in Deutschland nimmt die Zahl der spiritistischen Zirkel von Tag zu Tag zu. Man findet sie fast in jedem größeren Orte. Ich weiß wohl, daß die Kirchen den Spiritismus als Schwindel oder Teufelswerk beiseite schieben möchten. Doch damit wird diese Frage nicht gelöst.“

Wenn Sie Unannehmlichkeiten befürchten, so ist diese Furcht unbegründet. Ihre Teilnahme an unsren Versammlungen wird in der Öffentlichkeit nicht bekannt werden. Denn die wenigen Teilnehmer sind Persönlichkeiten, die schweigen können und alles meiden werden, was Ihnen Schaden bringen könnte. Also sagen Sie ruhig zu!“

Der Wahrheit dieser Ausführungen konnte ich mich nicht verschließen. Der Mann hatte Recht. Wenn wir Geistliche, die wir Lehrer und Führer des Volkes sein sollen und sein wollen, es ablehnen, die Wahrheit über derartige Erscheinungen persönlich zu ergründen, wer sollte es denn tun? Wer könnte ein größeres Interesse an dieser Sache haben, als gerade die Geistlichen aller Konfessionen. Denn wenn der Spiritismus sich als Wahrheit erweisen sollte, so ist er für alle Religionsgemeinschaften von der folgenschwersten Bedeutung.

Nach einigem Zögern erklärte ich mich daher bereit, am kommenden Sonntagabend an der Sitzung teilzunehmen.

Während der folgenden Tage waren meine Gedanken immer mit dieser Sache beschäftigt. Halb und halb wurde es mir wieder leid, die Zusage gegeben zu haben. Denn die Unannehmlichkeiten, die mir daraus erwachsen konnten, erschienen mir immer größer, je mehr ich darüber nachdachte.

Mit Spannung erwartete ich den Sonntag.

Nach Beendigung des Nachmittagsgottesdienstes fuhr ich zur Stadt. Auf dem Büro des Hilfsbundes wollte ich noch einige dringende Angelegenheiten erledigen, bevor ich zur Sitzung ging. In meiner Rocktasche trug ich einen Zettel mit den Fragen, die ich am Abend dem Jungen vorlegen wollte. Sie konnten nur in längeren Darlegungen beantwortet werden. Sie waren aus der Religionswissenschaft genommen. Ich selbst war nicht imstande, sie zu beantworten, und wollte bloß feststellen, welche Ausführungen der Junge dazu machen würde.

Auf dem Büro des Hilfsbundes fand ich einen Brief jenes Herrn vor, der mich zu der Sitzung eingeladen hatte. Darin teilte er mir mit, daß die Sitzung nicht bei ihm stattfinde, wie es verabredet war, sondern in der Wohnung einer anderen Familie, deren Adresse er mir angab. Es sei so angeordnet worden.

Diese unerwartete Änderung machte mich stutzig. Ich wurde mißtrauisch. Sollte etwa ein Gaukelspiel mit mir getrieben werden? Die Familie, in der nun die Sitzung stattfinden sollte, kannte ich nicht, auch nicht dem Namen nach. Sollte ich mich in einer mir ganz fremden Familie peinlichen Verlegenheiten aussetzen? Vielleicht war das Ganze nur eine Falle, die mir gestellt werden sollte. Mein Entschluß war gefaßt: „Du gehst nicht hin.“

Damit man nun nicht vergeblich auf mich wartete, schickte ich dem Herrn durch einen Boten die Mitteilung, daß ich nicht zur Sitzung kommen würde.

Es dauerte nicht lange, da erschien er selbst. Er bat mich, doch mitzugehen. Die Änderung bezüglich der Sitzung sei nicht von ihm getroffen worden, sondern von einer Seite, der sie Folge leisten müßten. Vielleicht sei der Grund darin zu suchen, daß in der anderen Wohnung die Sitzung unauffälliger stattfinden könne, als in seiner eigenen.

So ging ich denn mit.

Es war 19.30 Uhr, als wir hinkamen. Ich wurde von der Familie freundlich begrüßt. Ich merkte, daß man über mein Kommen erfreut war. Da die Sitzung erst um 20.00 Uhr beginnen sollte, hatte ich hinreichende Gelegenheit, mich mit dem Jungen zu unterhalten, der ebenfalls schon anwesend war. Durch eine Anzahl Fragen suchte ich seinen wissenschaftlichen Bildungsgrad festzustellen. Ich fand bald, daß er sich in nichts von anderen mittelmäßigen Jungen seines Alters unterschied.

Um 20.00 Uhr begann die Sitzung. Wir waren nur wenige Personen. Ich wunderte mich darüber, daßkeine Dunkelsitzung veranstaltet wurde, sondern alles hell erleuchtet war. Ich hatte erwartet, daß solche Sitzungen stets im Dunkeln stattfänden.

Man begann mit einem kurzen Gebet, das einer der Anwesenden mit großer Andacht vortrug. Überhaupt machten die Teilnehmer den Eindruck des Ernstes und innerer Sammlung.

Kaum war das Gebet beendet, da fiel der Junge mit einem so plötzlichen Ruck und unter so lautem Ausstoßen des Atems vornüber, daß ich erschrak. Er wäre zu Boden gestürzt, wenn die Armlehne des Sessels, in dem er saß, ihn nicht gehalten hätte. Es dauerte nur wenige Sekunden, da wurde er wie von einer unsichtbaren Hand ruckweise emporgerichtet und saß mit geschlossenen Augen da. Ich fühlte, wie mein Herz schneller schlug in gespannter Erwartung der Dinge, die jetzt kommen würden.

„Grüß Gott!“ begann er und wandte sich sofort an mich mit der Frage: „Weshalb bist du hierhergekommen?“

Ich staunte, daß er mich mit „Du“ anredete. Das würde der Junge in normalem Zustand nie gesagt haben. – „Ich bin gekommen als Wahrheitssucher“, war meine Antwort. „Ich hörte von dem, was hier vor sich geht, und möchte selbst prüfen, ob es sich dabei um Wahrheit oder Trug handelt.“

„Glaubst du an Gott?“ fragte er weiter, fügte jedoch sofort hinzu: Nun, ich weiß, daß du an Gott glaubst. Aber eine andere Frage möchte ich an dich richten: Warum glaubst du an Gott?“ –

Diese Frage kam mir so unerwartet, daß ich nicht recht wußte, was ich sagen sollte. Auch fühlte ich mich verwirrt. In dieser Verwirrung beantwortete ich seine Frage so mangelhaft, daß ich selbst mit meiner Antwort gar nicht zufrieden war.

„Von dir hätte ich eine bessere Antwort erwartet“, sagte er ruhig.

Wie eine schallende Ohrfeige wirkten diese tadelnden Worte auf mich. Ich war gekommen, um das, was hier vor sich ging, als Schwindel aufzudecken und saß schon nach den ersten Minuten als der Beschämte da.

„Auf die Frage, die du so unbefriedigend beantwortet hast wollen wir später einmal zurückkommen“, sagte er in sanftem Ton. „Und jetzt bist du an der Reihe, Fragen an mich zu stellen. Ich werde sie dir beantworten, soweit ich es darf. Du hast dir ja eine Reihe von Fragen aufgeschrieben, die du mir vorlegen willst. Nimm den Zettel mit den Fragen, den du bei dir trägst!“

Die Anwesenden sahen mich erstaunt an. Denn niemand hatte von diesem Zettel Kenntnis. Meine erste Frage lautete: „Wie kommt es, daß das Christentum auf die heutige Menschheit fast keinen Einfluß mehr auszuüben scheint?“

Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern oder zu überlegen, begann er mit seiner Antwort. Die von den Anwesenden während seines Vortrages gestellten Zwischenfragen und vorgebrachten Einwendungen erledigte er mit einer staunenerregenden Einfachheit und Klarheit. Nach meinen stenographischen Aufzeichnungen machte er folgende Ausführungen:

„Die Lehre Christi ist in den auf euch gekommenen Urkunden nicht mehr in ihrem ganzen Umfange und auch nicht in ihrer ursprünglichen Reinheit und Klarheit enthalten. In dem, was ihr Neues Testament nennt, sind manche wichtigen Abschnitte weggelassen. Ja ganze Kapitel wurden daraus entfernt. Was ihr noch besitzt, sind verstümmelte Abschriften. Die Originale sind euch unbekannt, so daß die Verstümmlungen des Urtextes nicht aufgedeckt werden können. Die dies getan haben, sind von Gott schwer bestraft worden.“

Da fragte einer der Anwesenden, wer es denn gewesen sei, der sich in dieser Weise an den heiligen Schriften vergriffen habe.

„Das zu erfahren, ist nicht eure Sache“, war seine kurze Antwort. „Es muß euch genügen zu wissen, daß es geschehen ist und daß Gott die Täter bestraft hat. Was nützt es euch, die Namen zu erfahren! Ihr würdet die Kenntnis der Täter nur dazu benützen, um über sie zu Gericht zu sitzen. Und ihr wißt, daß ihr über eure Mitmenschen nicht richten sollt. Gott richtet! Das genügt.

Auch ein von dem Apostel Paulus an alle Christengemeinden geschriebener Brief ist vernichtet worden. Darin hatte er die Stellen aus seinen früheren Briefen, die zu Mißverständnissen Veranlassung gegeben hatten, ausführlich erklärt. Diese Klarstellungen paßten jedoch nicht zu manchen irrigen Lehren, die sich später in das Christentum eingeschlichen hatten.“

Hier unterbrach ich ihn mit der Frage, wann denn die ersten von der richtigen Lehre abweichenden Meinungen in das Christentum eingedrungen seien. Er antwortete:

„In geringem Maße schon im ersten christlichen Jahrhundert. Du weißt, daß schon zur Apostelzeit nicht wenige Meinungsverschiedenheiten in den christlichen Gemeinden auftraten. Nachher schlichen sich viele irrige Menschenmeinungen und Menschensatzungen ein, die mit der Lehre Christi nicht übereinstimmen.

Wenn ihr den vollständigen und unverfälschten Text der Lehre Christi hättet, würde euch so manche Last von den Schultern genommen sein, die euch von Menschen im Namen der Religion und des Christentums aufgebürdet wurde.

Manche Lehre, die man euch zu glauben zumutet, obschon sie eurem Verstande unmöglich erscheint, würde in Wegfall kommen, weil sie als unrichtig erkannt würde, und ihr könntet aufatmen als freie Kinder Gottes. So aber fühlen Millionen Menschen, daß vieles von dem, was heute das Christentum lehrt, nicht richtig sein kann. Aus Gewohnheit halten sie es zwar äußerlich bei. Aber eine innere Wirkung hat es nicht. Denn das lebendige Fürwahrhalten fehlt.

Viele behalten das heutige Christentum aber nicht einmal äußerlich bei. Anstatt nun das Unrichtige daran abzuwerfen, schütteln sie das ganze Christentum samt dem Gottesglauben ab, weil sie meinen, das hänge alles zusammen. Und das ist schlimm.

Doch wird die Zeit kommen, wo die Lehre Christi in ihrer vollen Reinheit und Wahrheit der Menschheit wiedergegeben wird. Auf welche Weise das geschieht, braucht ihr jetzt noch nicht zu wissen.

Aber auch das, was von den Urkunden des Neuen Testamentes erhalten geblieben ist, hat an nicht wenigen Stellen Änderungen erfahren.

Die Abschreiber änderten Worte und Satzteile, ließen an der einen Stelle ein Wort aus und setzten an einer anderen ein Wort hinzu, wodurch der Sinn des Satzes entstellt wurde, je nachdem es zu ihren Zwecken paßte. Meistens wollten sie für die Glaubensmeinungen ihrer Zeit auch in der Bibel eine Beweisstelle schaffen, und sie griffen zu dem Mittel der Fälschung. Sie waren sich nicht immer der Größe ihres Unrechtes bewußt. Sie glaubten vielmehr, der Religion damit einen Dienst zu erweisen.

So wurde das Volk in die Irre geführt. Und viele empfinden es in ihrem tiefsten Inneren, daß sienicht auf dem rechten Wege sind, wenn  sie auch nicht die Möglichkeit haben, Klarheit darüber zu bekommen. Die notwendige Folge davon ist, daß ein so entwurzeltes Christentum keine fruchtbringende Wirkung mehr ausüben kann. Denn jeder Zweifel an der Wahrheit hemmt ihre Wirkung.

„Darf ich bitten“, sagte ich beklommen, „mir eine Stelle im Neuen Testament zu nennen, an der durch Änderung oder Weglassung eines Wortes eine sinnentstellende Fälschung vorgenommen wurde?“

„Es ist zwar jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt“, erwiderte er, „wo ich auf diese Fälschungen im einzelnen eingehen möchte. Ich werde es später tun, wenn ich euch die Bibel im Zusammenhang erkläre. Dennoch will ich deine Bitte erfüllen und dir zwei Stellen angeben: eine Stelle, an der ein Wort durch ein anderes ersetzt wurde, und eine Stelle, an der ein Wort weggelassen wurde.

Du kennst den Ausruf des Apostels Thomas nach dem Wortlaut eurer heutigen Bibel: ‚Mein Herr und mein Gott!‘ (Joh. 20, 28). In Wirklichkeit hat er jedoch den Ausdruck gebraucht, den die Apostel Christus gegenüber stets anwandten: ‚Mein Herr und Meister!‘ Das Wort ‚Meister‘ hat man später in das Wort ‚Gott‘ umgefälscht. Zu welchem Zwecke das geschah, werde ich euch bei einer anderen Gelegenheit erklären.

Eine Stelle, an der ein Wort ausgelassen und dadurch der ganze Sinn geändert wurde, wird dich ganz besonders interessieren. Du bist katholischer Priester. Du meinst die Gewalt zu haben, Sünden zu vergeben. Welche Stelle des Neuen Testamentes nimmst du als Beweis dafür, daß den Priestern eine solche Gewalt übertragen worden ist?“

Ich führte die Stelle an: „Welchen ihr die Sünden nachlasset, denen sind sie nachgelassen“ (Joh. 20, 23). Er verbesserte mich, indem er die Stelle wörtlich wiedergab: „Wenn ihr die Sünden anderer vergebet, werden sie ihnen vergeben“ und fuhr dann fort:

„Das Wort, was ihr mit ‚ihnen‘ übersetzt, heißt im griechischen auch ’selbst‘. Nun stand vor diesem Wort ’selbst‘ im Urtext noch das Wort ‚euch‘. Das, was ihr also heute mit ‚ihnen‘ übersetzt, hieß in Wirklichkeit ‚euch selbst. Die Stelle lautet also im Urtext wörtlich:

‚Wenn ihr die Sünden anderer vergebet, werden sie euch selbst vergeben.‘

Du siehst wohl ein, welche Entstellung des Sinnes durch Weglassen des Wortes ‚euch‘ entstanden ist. Christus sagte an dieser Stelle nichts anderes, als was er an vielen anderen Stellen ausgesprochen hat, nämlich: Ihr sollt euren Mitmenschen die Fehler und Sünden, die sie gegen euch begangen haben, von Herzen vergeben, damit ihr von Gott für eure eigenen Sünden Verzeihung erlangt. ‚Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.‘

Das Vergeben ist das Schwerste in eurem Leben. Darum empfanget ihr dazu eine besondere Hilfe Gottes. Christus sagt ja auch an derselben Stelle: ‚Empfanget einen heiligen Geist!‘ Wenn ihr anderen die Sünden vergebet, werden sie euch selbst vergeben. Wenn ihr sie aber festhaltet, nämlich in eurem Herzen, dann werden auch die eurigen festgehalten werden, nämlich von Gott. – Hast du das verstanden?“

Ich antwortete sehr niedergedrückt und nachdenklich mit einem leisen „Ja“ und fügte sofort hinzu: „Dann hat es also nach deiner Ansicht keinen Wert, daß ich als Priester das Sündenbekenntnis anderer entgegennehme, wenn ich keine Lossprechung erteilen kann? Ich müßte demnach die ganze Sache dran geben.“

„Das brauchst du nicht“, erwiderte er. „Da die deiner Kirche angehörenden Christen der Meinung sind, sie müßten zur Erlangung der Sündenvergebung ihre Sünden dem Priester beichten, so nimm ruhig das Bekenntnis entgegen, wie dein Amt es dir vorschreibt. Denn es ist ja nichts Böses oder von Gott Verbotenes, einem Menschen seine Sünden zu offenbaren.

Aber du sollst nicht glauben, daß du die Sünden der Beichtkinder an Gottes Stelle vergeben kannst.

Deine Aufgabe kann es nur sein, durch BelehrungErmahnungZuspruch und innere Aufrichtung die sündige Gesinnung aus dem Herzen des Beichtenden zu entfernen, so daß er innerlich umgewandelt nach Hause geht und in seinem Tun sich als ein anderer Mensch erweist.

Ein gewohnheitsmäßiges Beichten und Lossprechen ist nicht bloß zwecklos, sondern eine Entweihung des Gedankens der Versöhnung mit Gott.

Durch deine Zwischenfragen bin ich von meinem Thema abgeschweift. Ich will nun damit fortfahren.

Wenn auch manches von der Lehre Christi in den auf euch gekommenen Abschriften der alten Urkunden absichtlich weggelassen, anderes durch Fälschungen geändert worden ist, so bleibt doch noch so vieles Richtige übrig, daß die Menschen durch Befolgung dieses Richtigen ihrem Gott näher kommen könnten. Doch leider vermögen sie das Richtige vom Falschen nicht zu unterscheiden.

Die Grundlage der Lehre Christi ist nach seinen eigenen Worten:

‚Liebt Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst!‘ Wer das befolgt, hat das ganze christliche Gesetz erfüllt.

Alle anderen Wahrheiten sind bloß Ergänzungen zu dieser Grundwahrheit und helfende Richtlinien zu ihrer Ausführung im Leben des einzelnen.

Und nun komme ich zum letzten, nicht minder wichtigen Grunde, weshalb das Christentum auf die heutige Menschheit keinen Eifluß mehr auszuüben scheint.

Das Volk sieht bei seinen geistlichen Führern nicht die praktische Befolgung dessen, was das Christentum lehrt, und was sie selbst predigen.

Das gilt von den Geistlichen aller christlichen Religionen. Es gibt Ausnahmen. Aber sie sind verhältnismäßig selten. Wo sind die Geistlichen, die ihr neben Christus stellen könntet, ohne daß sie zu erröten brauchten? Wieviele sind es, die Leid, Armut und Not mit ihren Brüdern und Schwestern tragen? Ihre Gemeindemitglieder sind doch ihre Brüder und Schwestern. Dienen sie diesen, wie es die Weisung Christi ist, oder ist es nicht vielmehr ein Herrschen und Ausnutzen? Tun sie etwas umsonst? Lassen manche sich nicht sogar das Beten bezahlen?

Und ihr sonstiger Lebenswandel! Doch darüber will ich jetzt nichts sagen. Über diesen Punkt möchte ich mit dir einmal allein sprechen.“

Bei diesen Worten wandte er sich zu mir und fuhr fort:

„Du willst morgen zu deinen Angehörigen reisen. Diese Reise ist nicht eilig. Bleibe morgen noch hier und komme morgen abend um 19.30 Uhr wieder hierher. Alsdann reden wir beide allein miteinander. Sage also diesem Jungen, aus dem ich spreche, sobald er zu sich kommt, er möge morgen abend um 19.30 Uhr hier sein.“

Dann machte er Schluß, indem er in einer fremden Sprache betete und die Hände zum Segen erhob mit den Worten:

„Seid gesegnet im Namen Gottes! – Grüß Gott!“

Nach diesem Gruß fiel der Junge vornüber wie am Anfang der Sitzung, öffnete seine Augen und sah sich verwundert um. Es war ihm unverständlich, daß es schon so spät sei. Von dem vorgefallenen wußte er nichts. Er sagte, es sei ihm so, als habe er lange und gut geschlafen. Er fühlte sich sehr frisch und wohl.

Als ich ihm sagte, er möge am anderen Abend um 19.30 Uhr wieder hier sein, erklärte er mir, das sei ihm nicht möglich. Sie hätten morgen eine dringende Arbeit fertigzustellen, und es werde sicher 21.00 Uhr werden, bis er zu Hause sein könne. Das sei gestern bereits von seinem Lehrherrn so angeordnet worden.

Trotzdem nahm ich mir vor, meine Reise zu verschieben und am kommenden Abend zu der mir angegebenen Zeit wieder hinzugehen.

Als ich nach Schluß der Sitzung zu meiner Wohnung ging, war es mir, als erwachte ich aus einem schweren Traum. Der Mond ergoß seinen Silberschein über die Dächer und die Sterne schauten so ruhig in die klare Nacht. In mir aber schlugen die Flammen meiner Gedanken bergeshoch empor. Ich fühlte, daß dieses Feuer schon die Balken umzüngelte, auf denen mein bisheriges Glaubensgebäude ruhte.

Wer sprach die Wahrheit?

Die Religion, deren Priester ich war, oder die STIMME aus diesem Jungen?

Oder war es vielleicht der Junge selbst, der sich das alles zusammenreimte und vor uns eine Komödie aufführte?

Der Junge aus sich? – Nein, das war ausgeschlossen. Das zu glauben , war mir unmöglicher, als alle Glaubenssätze der Welt zusammengenommen. Nun hatte ich hier und da etwas gelesen von „Hellsehen“, „Unterbewußtsein“, „Gedankenübertragung“. Doch auch damit wußte ich für den vorliegenden Fall nichts anzufangen. So wollte ich denn ruhig weiter prüfen. Die Sache war mir zu wichtig, als daß ich sie einfach beiseite schieben konnte. Ein „Zurück“ gab es für mich nicht mehr.

Ich mußte volle Klarheit haben.

Vielleicht brachte mich die nächste Sitzung schon einen Schritt weiter.


weiter bei: 2.2 Die Entscheidung.