Text Quelle : vom Medium Peter Bernath persönlich zum Mitveröffentlichung autorisiert.

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Kapitel 2.3.1  

Eines Tages besuchte mich das Medium aus der Stadt in meinem Pfarrhaus. Wir saßen zusammen in meinem Arbeitszimmer und unterhielten uns über gleichgültige Dinge. Meine Haushälterin war in der Küche beschäftigt und kam ab und zu ins Zimmer. In einem Augenblick, als wir wieder allein waren, fiel der Junge plötzlich in „Trance“, und der Geist wandte sich mit folgenden Worten an mich:

„Deine Haushälterin ist soeben in den Garten gegangen, um dort zu arbeiten. Diese Zeit möchte ich benutzen, um mit dir zu sprechen. Bitte, zeige mir deine Kirche!“

Daß meine Haushälterin in den Garten gegangen war, um darin zu arbeiten, konnte weder ich noch der Junge als Mensch wissen. Denn der Garten lag hinter dem Pfarrhaus und man gelangte aus der Küche, die an den Garten anstieß, in der Weise in den Garten, daß man zunächst den hintersten Teil des Hausflurs betrat, aus dem dann eine Türe in den Garten führte. Wir beide saßen in einem Zimmer der entgegengesetzten Seite und konnten weder sehen noch hören, was in Küche und Garten vorgi

Grebers Pfarrhaus in Kell, Juni 1960

Grebers Pfarrhaus in Kell, Juni 1960

Pfarrhaus in Kell mit Verbindungstür durch die angrenzende  Mauer zur Kirche rechts, Juni 1960
Pfarrhaus in Kell mit Verbindungstür durch die angrenzende
Mauer zur Kirche rechts, Juni 1960

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf die Bitte, ihm die Kirche zu zeigen, stand ich auf. Der Junge folgte mir in seinem Trancezustand mit schwerfälligen Schritten und geschlossenen Augen. Die Kirche lag dicht neben dem Pfarrhaus. Man brauchte nicht über die Straße zu gehen, um hineinzugelangen. Durch eine Seitentüre konnte man aus dem Vorgarten in die Kirche eintreten. In der Kirche angekommen, sagte er:

„Der Altar steht ja über einem Totengerippe, das in der Erde liegt. Auch unter dem Fußboden des Schiffes befindet sich eine Anzahl von Totengerippen. Hier war früher ein Kirchhof.“

 

Der Hauptaltar der Pfarrkirche

Der Hauptaltar der Pfarrkirche

Ich entgegnete, daß ich davon nichts wisse. Auch hielt ich dies nicht für möglich. Denn die Kirche stand erhöht und um die Kirche herum war kein Raum für Grabstätten. –

„Erkundige dich bei den ältesten Leuten deiner Pfarrei“, sagte er, „sie können vielleicht darüber Aufschluß geben.“

Dann wandte er die geschlossenen Augen zu der Orgelbühne mit den Worten:

„Du weißt, daß ich in rein materiellen Dingen keine Ratschläge zu geben pflege. Aber heute möchte ich eine Ausnahme machen. Du hast die Orgel angeschafft. Sage deinem Organisten, er möge nach dem Orgelspiel jedesmal die Register wieder ganz in die Orgel zurückdrücken. Drei Register sind augenblicklich noch halb herausgezogen. Dadurch setzt sich Staub und Feuchtigkeit in die Orgelpfeifen und beeinträchtigt im Laufe der Zeit die Reinheit der Töne. Ein reines, schönes Orgelspiel trägt zur Verschönerung des Gottesdienstes und dadurch zur Ehre Gottes bei. Darum sage ich dir dies.

Links die Orgelbühne mit geschlossenen Türen.  Rechts geöffneter Spieltisch der Orgel in der Pfarrkirche in Kell am 26. Juni 1969. Es sind wieder einige Register gezogen.

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Links die Orgelbühne mit geschlossenen Türen.

Rechts geöffneter Spieltisch der Orgel in der Pfarrkirche in Kell am 26. Juni 1969. Es sind wieder einige Register gezogen.

 

Der Spieltisch der Orgel war verschlossen, so daß man weder die Tasten noch die Register sehen konnte, selbst wenn man davor gestanden hätte. Erst recht nicht vom Altar aus, an dem wir uns in diesem Augenblick befanden. Aus dieser Entfernung hätten wir selbst dann nichts sehen können, wenn die Orgel offen gewesen wäre. Der Schlüssel zur Orgel hing im Sakristeischrank.

Dann gingen wir zu einem Seitenaltar. Das Altarbild stellt den Tod des heiligen Josef dar. Jesus und Maria stehen an seinem Sterbebett.

„Diese Darstellung ist nicht richtig“, sagte er, „Jesus war beim Tode Josefs nicht anwesend.“

Nun gingen wir an den einzelnen Kreuzstationen vorüber. Bei der Darstellung, in der Veronika das Schweißtuch mit dem Bilde des blutigen Antlitzes Jesu zurückerhält, fragte ich ihn, ob diese Begebenheit bloß Legende oder Wirklichkeit sei.

„Es ist Wirklichkeit und keine Legende“, war seine Antwort.

 greber08Pfarrkirche in Kell. Das Schweißtuch der Veronika mit Christi Antlitz.

 

Bei der Darstellung der Kreuzigung Christi fragte er mich plötzlich:

„Was glaubst du, hat bei der Kreuzigung den größten Schmerz verursacht?“

Ich erwiderte: „Die Annagelung.“ –

„Nein“, entgegnete er, „nicht die Annagelung, sondern der Durst. Die Nägel wurden mit einem wuchtigen Schlag von den brutalen Henkersknechten durch Hände und Füße getrieben und verursachten zunächst eine nicht besonders schmerzliche Betäubung. So, wie eure Verwundeten im Kriege die schweren Verletzungen durch Kugel oder Granatsplitter im ersten Augenblick kaum fühlen. Aber der Durst infolge des Blutverlustes ist das Furchtbarste, auch bei euren Verwundeten. Er kann den Menschen wahnsinnig machen. Kein körperlicher Schmerz ist mit der Qual des Verdurstens zu vergleichen.“

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 Pfarrkirche in Kell mit der Nagelung Christi

Beim Weitergehen gelangten wir zu einer Seitenkapelle. Darin war ein altes Marienbild aus Holz, das in den früheren Jahrhunderten in einem Kloster gestanden hatte, dessen Ruinen sich noch in der Nähe befanden.

„Dieses Bild“, sagte er, „suchen schon seit langem die leidenden Geister, die da unten im Tal bei den Ruinen des Klosters gebannt sind.“

Ganz erstaunt fragte ich: „Warum suchen denn jene Geister schon so lange dieses Marienbild? Es ist hier doch leicht zu finden. Und zudem, was kann das Bild den leidenden Geistern nützen?“

„Du verstehst das nicht? Nun, dann will ich es dir erklären. Siehe, die Geister, die zur Strafe für ihre Taten an irgend einen Ort gebannt sind, dürfen über den für sie bestimmten ‚Bannkreis‘ nicht hinaus. Aus diesem Grunde können auch die in jenes Tal bei den Klosterruinen gebannten Geister nicht bis zu dieser Kirche gelangen. Sie können das Marienbild also nur innerhalb ihres Bannkreises suchen. Und da finden sie es nicht. –

Wenn du weiter fragst, was ihnen das Marienbild denn helfen könne, so ist es richtig, daß ihnen das Bild selbst keine Hilfe bringen kann. Aber etwas anderes, was mit dem Bilde zusammenhing, brachte ihnen früher Erleichterung. Als nämlich das Bild noch im Kloster stand, kamen viele Menschen, um vor dem Bilde zu beten. Bei dieser Gelegenheit verrichtete man auch Gebete für die ‚armen Seelen‘, wie ihr die leidenden Geister nennt. Das Gebet kann zwar diesen Geistern nichts von ihrer Schuld und Strafe wegnehmen. Aber sie vernehmen das Beten, und ihre Gedanken werden ebenfalls auf Gott hingelenkt. Dadurch finden sie eine Erleichterung ihres Zustandes. Seit der Zeit nun, wo das Bild dort weggenommen wurde, kommt niemand mehr zum Beten dorthin, und die Geister vermissen die Wohltat, die ihnen einst das Gebet brachte. Sie wissen, daß das Beten im Zusammenhang mit der Anwesenheit des Marienbildes stand. Darum sind sie darauf aus, das Bild wieder dorthin zu schaffen.“

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Links Blick auf die Klosterruine bei Bad Tönisstein im Brohltal von halber Höhe auf der steilen Straße vom Brohltal nach Kell, 2 km  von Kell entfernt. Rechts das Gnadenbild in der Seitenkapelle. Maria mit dem gekreuzigten Jesus.

Jetzt kamen wir an die Treppe, die zur Orgelbühne führte. Ich hätte nun gar zu gern gewußt, wie es sich mit den halbherausgezogenen Orgelregistern verhielt. Aber noch ein anderer Gedanke beschäftigte mich in diesem Augenblick. Ich legte mir nämlich die Frage vor, ob er wohl die Orgel spielen könne. Daß der Junge es nicht konnte, wußte ich. Nur ein Bedenken hatte ich: Wird der fremde Geist soviel Gewalt über den Körper des Jungen haben, daß er die Finger und Füße so schnell bewegen kann, wie es ein Orgelspiel erfordert? – Nur zaghaft sprach ich daher die Bitte aus, ob er nicht auf der Orgel spielen wolle. „Gern, wenn es dir Freude macht“, war seine Antwort.

Sofort eilte ich in die Sakristei und holte von dort den Schlüssel zur Orgel. Wir stiegen die Treppe zur Orgelbühne hinauf. Ich öffnete mit dem Schlüssel die Orgel und sah sofort nach den Registern. Richtig! Da waren drei Register halb herausgezogen. Nochmals bat er mich, den Organisten darauf hinzuweisen.

Dann setzte er sich an die Orgel, zog Register und begann zu spielen. Zuerst leise und zart in lieblichen Akkorden. Dann etwas stärker, und je länger er spielte, um so mehr schwollen die Töne an. Und auf dem Höhepunkt des Spieles war es ein Wogen und Brausen und Stürmen mit allen Registern, wie ein Orkan, der Bäume entwurzelt. Dann nach und nach ein langsames Abschwellen und zum Schluß ein wunderbar sanftes und friedliches Ausklingen. Kein Zweifel, hier saß ein Meister an der Orgel.

Als er geendet hatte, drückte er alle Register in die Orgel und stand von der Orgelbank auf. Ich schloß die Orgel wieder zu. Da trat er vor mich hin und stellte die Frage an mich:

„Weißt du, was ich soeben auf der Orgel gespielt habe?“

Ich antwortete mit „Nein“. –

„Dein Leben habe ich gespielt“, sagte er ruhig.

Ich sah ihn erstaunt an. Ich konnte mir nicht denken, daß man das Leben eines Menschen spielenkönne. Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, begann er folgende Belehrung:

„Das Leben eines Menschen ist wie ein Gemälde. Man kann malen in Farben, man kann auch malen in Tönen. Jede Farbe stellt einen Ton dar und jeder Ton eine Farbe. Es gibt Hellseher, die alle Töne in ihren Farben sehen und Harmonie und Disharmonie nicht durchs Gehör feststellen, sondern durch Anschauen der Tonfarben. Daher kann man jedes Gemälde spielen, als ob man Noten vor sich hätte. Wenigstens die Geisterwelt kann dies.“

Ich verstand seine Ausführungen nicht. Sie waren mir zu neu.

Schweigend gingen wir wieder die Treppe hinunter in das Schiff der Kirche bis zu der Türe, durch die wir hereingekommen waren. Hier blieb er mit den Worten stehen:

„Ich will mich jetzt verabschieden. Ich kann nicht mehr mit ins Pfarrhaus gehen. Denn deine Haushälterin ist soeben im Begriff, aus dem Garten ins Haus zu kommen, und ich möchte nicht, daß sie den Jungen im Trancezustand sehe. Ich stelle mich jetzt an diese Wand. Stütze du den Körper des Jungen, damit er nicht zu Boden fällt, wenn ich aus ihm austrete.“

Ich tat nach seiner Weisung und mußte meine ganze Kraft anstrengen, den beim Austreten des Geistes vornübersinkenden Körper des Jungen aufrecht zu halten. Sofort kam dieser zu sich undwar sehr erstaunt, mit mir in der Kirche zu sein. Er wußte sich bloß zu erinnern, daß wir zusammen im Pfarrhaus gesessen. Von dem, was sich inzwischen zugetragen, wußte er nichts. Als ich sagte, daß er so schön Orgel gespielt habe, schüttelte er ungläubig den Kopf.

In dem Augenblick, als wir die Pfarrhaustüre öffneten, betrat auch meine Haushälterin, aus dem Garten kommend, den hinteren Teil des Hausflurs. Sie hätte also den Jungen in seinem Trancezustand gesehen, wenn der Geist, um dies zu verhindern, nicht vorher aus dem Medium ausgetreten wäre.

Der Junge selbst, mit dem ich nachher über die einzelnen Geschehnisse sprach, wußte weder etwas von den Totengerippen, noch von den Orgelregistern, noch von dem Tod des heiligen Josef, noch von dem Schweißtuch der Veronika, noch von den Schmerzen bei der Kreuzigung, noch von dem Marienbild und seiner Geschichte, noch von den bei den Klosterruinen gebannten Geistern und der Wirkung des Gebetes für sie, noch von dem Orgelspiel und der mir im Anschluß daran gegebenen Belehrung.

Noch an demselben Abend stellte ich durch Nachfrage fest, daß dort, wo jetzt die Kirche steht, in ganz alter Zeit sich tatsächlich ein Begräbnisplatz befunden hatte.


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